Ein Zwischenfazit zur Halbzeit der Brutsaison 2026 deutet bei den Weißstörchen im Ruhrtal auf neue Rekordzahlen hin, da bei den 8 erfassten Brutpaaren in Fröndenberg (Kiebitzwiese) und Schwerte (inklusive Wasserwerk Holzwickede/Hengsen) aktuell 19 Nestlinge registriert wurden, was bei einem erfolgreichen Brutverlauf einen neuen Höchstwert für diese Art in den Vergleichsgebieten darstellen würde.
8 Jahre lokaler Weißstorch-Brutverlauf
Die nachfolgende Infografik zeigt die Entwicklung der lokalen Weißstorchbruten, beginnend mit der historisch ersten erfolgreichen Brut dieser Art im Ruhrtal auf der Fröndenberger Kiebitzwiese. Die Daten bis 2025 dokumentieren die flügge gewordenen Jungstörche. Der aktuelle Wert für 2026 bildet in Klammern den momentanen Nestlingsbestand nach persönlichen Kenntnissen vor dem Ausflug ab. Verschiedene Einflüsse können die Anzahl der Jungvögel jederzeit verändern, sodass eine endgültige Gesamtbilanz voraussichtlich erst im Juli oder August möglich sein wird.

Rekorde, Herkunft und Nistplatzwahl im regionalen Vergleich
- Seit sieben Jahren in Folge zieht das Weißstorch-Weibchen (im 9. Kalenderjahr) auf der Kiebitzwiese (Nisthilfe) in Fröndenberg erfolgreich Nachwuchs groß. Sie ist damit der nachweislich älteste beringte Altvogel im gesamten Brutplatz-Vergleich. Sobald die aktuellen drei Nestlinge flügge werden, würde ihre Bilanz auf 17 ausgeflogene Jungstörche steigen. Mit einer daraus resultierenden, prognostizierten Reproduktionsrate von 2,4 Jungvögeln pro Jahr stellen diese Werte eine herausragende Lebensleistung für diese Art dar.
- Ein vergleichbar hohes Alter weist das Weibchen an der Schwerter Röllingwiese (Nisthilfe) auf, das 2021 bereits als Altvogel beringt wurde und somit mindestens im 8. Kalenderjahr steht. Seit 2022 (bis 2025 mit dem gleichen Partner) beteiligt sie sich im 5. Jahr ununterbrochen dort nachweislich am Brutgeschehen und kommt auf insgesamt 11 ausgeflogene Jungstörche, sofern die aktuellen 3 Nestlinge flügge werden. Zudem zeigt sie als einziger Weißstorch im Untersuchungsgebiet seit mindestens 2022 kein Zugverhalten mehr und verbringt auch die Wintermonate durchgehend im Revier.
- Den Höchstwert beim diesjährigen Nachwuchs verzeichnet aktuell die Kanzel des Hochsitzes auf der Fröndenberger Kiebitzwiese: Dieses Nest beherbergt mit 4 Nestlingen die kopfstärkste Brut im gesamten Vergleichsgebiet. (Hier ergeht ein Dank an A.Hünting und H.Knüwer für die Übermittlung der Anzahl von Jungen im Nest)
- Das einzige voll beringte Paar brütet im Wasserwerk Hengsen (Holzwickede) auf dem ehemaligen Windrad, wobei das dortige Männchen mit 217 Kilometern die weiteste Ansiedlungsdistanz im unten aufgeführten regionalen Vergleich aufweist.
- Bei der Wahl der Nistplätze zeigt sich die Art flexibel. 5 Paare nutzen eine künstliche Nisthilfe, während jeweils ein Paar auf einem gekappten Baumstamm, einer Schornsteinabdeckung sowie auf der Kanzel eines Hochsitzes brütet.

Regionale Brutplätze und Beringungsdaten im Überblick. Die orangefarbenen Kilometerangaben unter den Kalenderjahren beschreiben bei dieser Übersicht die exakte Entfernung (Luftlinie) zwischen dem Geburtsort, an dem der jeweilige Storch als Nestling beringt wurde, und seinem aktuellen Brutplatz im Ruhrtal.

Vogelgrippe-Tragödie im Winterquartier
Im Gegensatz zum Vorjahr gab es bei den Schwerter Brutstörchen zwei nachweisliche Veränderungen. Die Befürchtung, dass das grassierende Vogelgrippevirus aus den Winterquartieren auch Brutvögel des Kreises Unna getroffen haben könnte, wurde zur Gewissheit.
Zum einen verendete das langjährige Brutmännchen der Schwerter Röllingwiese im spanischen Winterquartier, denn laut schriftlicher Mitteilung des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie Radolfzell an H.-G. Bullenda (AGON Schwerte) wurde der Kadaver am 9. Dezember 2025 nahe eines Entsorgungszentrums im Südosten von Madrid entdeckt. Nach eigenen Recherchen legte der Storch auf seinem herbstlichen Südwestkurs zwischen dem Brutplatz an der Röllingwiese und dem spanischen Fundort eine Distanz von fast 1.500 Kilometern Luftlinie zurück. Sein Zielort war und ist ein bekannter Winter-Hotspot. Dort suchen unzählige Störche auf Deponien nach Nahrung und nächtigen in der Nähe teils eng gedrängt nebeneinander. Die dortige, extrem hohe Bestandsdichte begünstigte im Dezember 2025 den Ausbruch eines hochpathogenen Influenza-Virus, den die spanischen Behörden auch bei dem Schwerter Brutvogel als Todesursache nachweisen konnten. Der Fund dokumentiert einerseits das mittlerweile häufig veränderte Zugverhalten beim Weißstorch mit Überwinterung auf der Iberischen Halbinsel statt Afrika, zeigt jedoch auch gleichzeitig die hohen epidemiologischen Risiken dieser Massenansammlungen an künstlichen Nahrungsökosystemen auf.
Der freigewordene Brutplatz an der Röllingwiese in Schwerte wurde im diesjährigen Frühjahr sofort durch ein neues, unberingtes Männchen nachbesetzt.

Zum anderen brütete anfangs auf dem Baumnistplatz in Schwerte-Geisecke, bei dem als einzigem Ort in den Vergleichsgebieten wahrscheinlich entweder von einer Brutaufgabe oder einem Totalverlust auszugehen ist, erstmalig ein neues, beringtes Weibchen im 4.Kalenderjahr, das 2023 nestjung in Delbrück-Anreppen (Kreis Paderborn) markiert wurde. Der Wiederfund erfolgte nach 1.003 Tagen in 74 Kilometern Luftlinie Entfernung. Ob das vorherige dortige, vermutlich langjährige Weibchen ein ähnliches Schicksal wie das Röllingwiesen-Männchen ereilte, bleibt mangels Beringung ungeklärt.
Ausblick auf die regionale Populationsentwicklung
Neben der allgemeinen Entwicklung dieser Art lassen auch konkrete Beobachtungen im gesamten Wassergewinnungsgebiet Hengsen (Holzwickede), wo in den letzten Wochen teils dutzende Weißstörche zu beobachten waren und teilweise weiterhin präsent sind, eine Fortsetzung des regionalen Populationswachstums erwarten. Bei vielen der dort aus nächster Nähe beobachteten Vögel deutet das Erscheinungsbild mit einigen Ausnahmen auf vorjährige Weißstörche hin und abgefragte Ringablesungen bleiben abzuwarten.
Als biologisch interessante Beobachtung trugen einige Jungstörche bereits sporadisch Nistmaterial auf Gebäude, Pappeln oder einen Hochsitz. Da das Material direkt wieder herunterfiel, ohne dass die Vögel nachbesserten, handelte es sich wahrscheinlich nicht um ernsthaften Nestbau, sondern um erste, instinktive Übungen für die Zukunft. Nahezu identische Abläufe ließen sich bereits im letzten Jahr im gleichen Gebiet feststellen. Auch diese Erkenntnisse legen die Annahme einer weiteren Bestandszunahme des Weißstorchs in unseren heimischen Brutgebieten nahe.
Angesichts dieser Zahlen wächst der Wunsch nach einer ähnlichen Dynamik bei vielen anderen Vogelarten.
